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personalpoker
21 Februar 2017

Personalpoker – muss das sein? Wann hört das auf?

„Ich habe letzte Woche den Röntgenschein gemacht – was kann ich jetzt an Mehr an Gehalt bekommen?“ … „Welchen Anbieter könnt ihr empfehlen für eine schnelle Ausbildung zur Praxismanagerin? Welche Kompaktkurse (5 Tage, anm. der Red.) kosten nicht so viel?“ … „Ohne meine ganzen Fort- / Weiterbildungen würde ich heute wesentlich weniger verdienen. Man bekommt nur das gezahlt, was man auf Papier hat.“
Ist das wirklich so? Ich finde es mittlerweile erschreckend, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es gar nicht mehr um die Sache des Lernens und um des Mehr-Wissens geht. Um den Mehr-Wert, das Erlernte tatsächlich geschickt und richtig gut umzusetzen. Es zu dürfen?

Egal in welchem Forum, in welcher Gruppe, ob virtuell oder real, es scheint ein Fort- und Weiterbildungsmarathon unter den MFA/ZFA begonnen zu haben. Ja toll! – mögen sich viele Praxisinhaber*innen denken. Das zeigt doch eigentlich, wie „interessiert“ diese Leute an ihrem Beruf sind, was sie auf dem Kasten haben. Eigentlich.
Was aber, wenn dieser „Sport“ überwiegend zum Personalpoker genutzt wird? Wenn schon innerhalb der Ausbildung überlegt wird, mit welcher Fort- und Weiterbildung man am schnellsten die höchste Tarifgruppe erreichen kann?

Wie sieht der Status Quo aus

Fakt ist: Die Gehälter der angestellten MFA/ZFA variieren in solch einer großen Spanne, dass noch nicht einmal eine 100%ige Aussage zu einem typischen Schema getroffen werden kann. Es passt wirklich nichts in die Schublade, die wir so gerne benutzen wollen zur Argumentationshilfe.

In der Volkswirtschaft sprechen wir z.B. oft von einem Nord-Süd-Gefälle; einem Stadt-Land-Gefälle oder sonstigen demografischen Gefällen. Tendenzen gibt es auch in unserem Falle, ja. Aber eben auch nur Tendenzen.
Tarifgebundene Bundesländer – passt auch nicht sonderlich, um eine Matrix zu erstellen. DENN Tarifgebundenheit setzt voraus, dass beide Vertragspartner (AG und AN) Mitglied der Tarifvertragspartner sein müssen. Ansonsten gilt die Freiwilligkeit sich an einen Tarifvertrag anzulehnen.

personalpoker tarifgehalt mfa zfa

(Quelle: Bundesärztekammer, Tabelle Stand 01.04.2016)

Für eine 38,5 Stunden Woche liegen die Gehälter zwischen 1400€ bis 2800€. Brutto versteht sich! Ohne große Ansammlung an Fort- und Weiterbildungen. Je nachdem, wo die Mitarbeiter leben, ist es „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“. Viele sind auf Nebenjobs oder – und das im Jahre 2017 und dem Zeitalter der allzuoft propagierten Gleichstellung – auf ein Leben in Partnerschaften angewiesen. Nur ein weiteres Gehalt sichert das Leben.

Ist es da nicht eine logische Konsequenz zu versuchen „Beweise“ zu sammeln, die einen Hunderter mehr im Monat rechtfertigen (sollen)? Oder aufgrund der dickeren „Beweismappe“ beim Personalpoker zu gewinnen?

Nicht alles ist Gold was glänzt

Ja! Ich bin ein Verfechter von lebenslangem Lernen. Und ich motiviere jeden, es auch zu tun. Aber in erster Linie für sich selbst. Um den Horizont und das Wissen zu erweitern. Weil es Spaß macht. Weil das Gefühl des Erfolges einen selbst beflügelt. Weil im Gehirn ein immer dichteres Netz an Wissen entsteht, das mit der Zeit in der kontinuierlichen Anwendung – Übung macht den Meister – einen Erfahrungsschatz anhäuft, der immer wertvoller wird. All das – und nur das – macht die Basis des zukünftigen Erfolges aus. Geschickt angewandt sucht diese Kombination von Wissen und Umsetzung ihresgleichen.

Dass dadurch auch der jeweilige Arbeitgeber profitieren wird/kann, ist ein gewünschter (?) Nebeneffekt.

Was aber passiert im Zuge des Personalpokers?

Ziel sind oftmals die „Bescheinigungen“. Am besten „zertifiziert“, „staatlich zertifiziert“, „IHK-Zertifiziert“. Und schnell muss es gehen. Kompaktkurse stehen hoch im Kurs.
Dass genau dadurch das Bulimie-Lernen, welches wir sonst an anderer Stelle so verurteilen, extrem gefördert wird, sieht auf einmal keiner mehr.

Sonst so auf Halb-Acht-Stellung, wenn es um Zertifizierungen im Praxisbereich geht (z.B. QM – „alles nur Geldmacherei einer bestimmten Branche“), sind sie im Weiterbildungsbereich der zu erreichende Heilige Gral.

Stellen Sie sich vor, die Grundzüge einer solchen Zertifizierung eines Anbieters sind die gleichen wie für Ihre Praxis. Da geht es um die Prozesse. Die Prozesse werden überwacht. Qualität wird auch gemessen anhand der vielen Anmeldungen und der guten Abschlussquote.
Und genau wie Praxiszertifizierungen, kostet es auch die Träger der Angebote. Ergo, die müssen und wollen diese Ausgaben (Erstzertifizierung von 10.000€ bis hin zu netten 80.000€, danach in kurzen Abständen die Rezertifzierung) schnell wieder auffangen. Und Gewinn soll ja auch noch eingefahren werden.

Sie kennen selbst die Stellschrauben: Menge, Zeit, Preis, Personalkosten (ich kenne genügend Referenten von renommierten Trägern, die zwischen 18€ und 30€ die Stunde erhalten). Und Abschluss-Erfolge. Schlechte Luft, wenn zu viele die Prüfung nicht bestehen.

Sie kennen das? Faktenwissen im Schweinsgalopp in den Kopf gehämmert. Froh kann sein, wenn noch ein paar praxisbezogene Beispiele hinzukommen.  Da bleibt wenigstens ein bißchen mehr hängen.

Alles ist in der Lieferung mit drin. Tasche auf und rein damit. Nicht bewegen, sonst fällt was daneben.

Wie aber sieht es dann mit der Umsetzung aus?

Es scheint, dass nach solchen Lernmarathons das Hirn im Schockzustand ist. Vieles abgelegt und nur schwer abrufbar.
Es fällt schwer, Verknüpfungen für das Handeln im hier und jetzt herzustellen. Die Umsetzung im Alltag wird tatsächlich „verkompliziert“ anstatt vereinfacht. Knoten im Hirn!

Und wie sieht es mit den Tools aus, die neben Kommunikation, Management etc. für unsere Praxiszukunft relevant sind? Unsere Welt wird immer digitaler. Ein Gesetz nach dem anderen wird erlassen, um diesem Fortschritt einen Booster zu verpassen und ihn sicherer zu machen. Was ist damit? Wer lernt damit umzugehen? Sich auch hierfür außerhalb der eingeübten Handschläge zu interessieren und sich wichtiges Wissen anzueignen? Diese Kompetenz fehlt oftmals immer noch. Egal in welcher Altersstruktur.

All das wird nicht erkannt, nicht zugegeben. Die eine Seite fühlt sich trotz der hinter sich gebrachten Anstrengungen nicht wertgeschätzt. Weder emotional noch monetär. Die andere Seite sieht eben wegen der Kosten-Nutzen-Relation oftmals keinen Anlass dazu. Es wird ja meist nichts „besser“ – nicht viel besser. Und schon ist sie wieder da: Die Mauer!

Ich stelle hier einmal ein paar ketzerische Fragen an beide Parteien

An die Seite der Praxisinhaber

  • Überprüfen Sie selbst das Angebot der selektierten Anbieter? Mal abgesehen von den Kosten. Curricula und Referenten?
  • Schauen Sie sich die Unterlagen des Anbieters an?
  • Überprüfen Sie die Umsetzbarkeit des erlernten Wissens?
  • Überprüfen Sie die Umsetzungsfähigkeit Ihres Mitarbeiters/Ihrer Mitarbeiterin?
  • Überprüfen Sie, ob das Thema der Fortbildung auf die Person passt? Gemessen an der Persönlichkeit, der Entwicklung, der Erfahrung?
  • Überprüfen Sie die Lehrmethode? Präsenzstudium oder virtuelles Studium? Und ob das gewählte zur Person passt?

An die Mitarbeiter*innen

  • Sind Sie in der Lage das Angebot der selektierten Anbieter zu überprüfen? Curricula und Referenten?
  • Wissen Sie um die reale Aussagekraft einer „zertifizierten“ Fortbildung? Was genau ist „zertifiziert“?
  • Kennen Sie sich selbst gut genug? Welchem Lerntyp gehören Sie an? z.B.: Visuell-Autidiv – das Gehörte untermalt mit Bildern oder umgekehrt. Auditiv-Kinästhetisch – Das Gehörte mit den „Händen“ umsetzen, machen! Visuell-Kinästhetisch u.s.w.
  • Wie groß ist Ihr Leseverständnis?
  • Wie steht es um Rhetorik und Didaktik?
  • Reicht Ihnen Faktenwissen, um es dann selbständig umsetzen zu können?

 

Ich mache mir tatsächlich Gedanken, wie es um unsere Praxis.Zukunft aussieht – und mir geht ein Spruch nicht aus dem Kopf:

In einigen Jahren sitzen überall in den Praxen bis auf das letzte Zertifikat fortgebildete Teammitglieder – und es gibt tatsächlich noch Patienten, die einfach nur betreut werden wollen.

 

 

 

 

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