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Praxispsychologie-Arztpraxis-zahnarztpraxis
10 Dezember 2014

Praxispsychologie: Früher war alles besser

Praxispsychologie: Früher war alles besser – Das Mantra in der Arzt- und Zahnarztpraxis

Sie kennen diesen Ausspruch auch? Sie benutzen ihn immer oder hin und wieder? Macht nix. Ist okay. Aber was tut dieser Spruch mit uns? Vor allem, umso häufiger wir ihn von uns selbst – oder anderen – ausgesprochen hören?

Genau. Wir schränken uns selbst ein. Im Denken. Im Lernen. Im Innovativ sein …

Früher mit der Karteikarte, da war alles viel besser.
Früher gab es kein QM, kein Patientenrechtegesetz, keine Verordnungen von Hinz- und Kunz.
Früher waren die Mitarbeiter/Patienten viel besser.
Früher … früher … früher ….

Was hat es denn an sich mit der Vergangenheit? Mit den Erinnerungen, die aus unserem Gedächtnis abgerufen werden? Sind die tatsächlich weitestgehend objektiv?

Neee, sage ich an dieser Stelle – und ganz viele Spezialisten aus der Psychologie und Neurowissenschaft.

Das Abspeichern tagtäglich ist schon nicht mehr objektiv.
Wir Menschen sind mentalen und informationsverarbeitenden Prozessen unterworfen, sogenannten Kognitionen. Das können Gedanken, Einstellungen, Wünsche und Absichten sein (mental), aber auch das Erlernen von Neuem und Verarbeiten von Wissen – also Denken und Problemlösung. All diese Dinge werden meist von gerade vorhandenen Emotionen beeinflusst oder können Emotionen beeinflussen. Kognitionen beinhalten all die internen Vorstellungen, die sich ein Individuum von der Welt und sich selbst konstruieren kann. Es ist eine subjektive Realität.

Wenn also schon jeden Tag beim Abspeichern der Stempel der aktuellen Stimmung aufgedrückt wird, wie ist das dann erst, wenn man sich später wieder die Erinnerungen hervorkramt? Tja, auch da wird jedes mal ein neuer/weiterer Stempel aufgedrückt der Empfindungen stärkt oder schwächt, Details in den Vordergrund stellt und andere verblassen lässt. Und stellen Sie sich vor: es hat sogar Einfluss mit wem wir über vergangene Ereignisse sprechen, wie wir selbst beim Erzählen gewichten und welche Sicht ein anderer beiträgt.

Ergo ist jede Erinnerung, die danach wieder im Gedächtnis abgespeichert wird, eine leicht veränderte. Und ich behaupte mal, dass es im Extremfall dann auch zu völlig falschen Erinnerungen kommen kann.

Nehmen wir mal den allzu bekannten Fall der Arbeit mit der Praxis-EDV (weil ich gerade die Tage selbst in einer Praxis kurz vor dem Verzweifeln war über die meiner Meinung nach stumpfsinnige Art einer Programmierung): Wenn mal wieder die Fenster zur Dokumentation von trivialen Dingen nicht vorhanden sind oder so blöd über vier Ecken aufgeklickt werden müssen, dann erinnere auch ich mich gerne der Zeit der gemeinen Papierkarteikarte. Ich verknüpfe EDV mit totalen todbringenden Gedanken und heroisiere meine schöne alte Zeit.

Wissenschaftlich ausgedrückt erlebe ich gerade eine „kognitive Dissonanz“. Ich bin in einem unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ich mehrere Kognitionen habe, die nicht miteinander vereinbar sind. Also versuche ich diese Dissonanz wieder in Einklang zu bringen, damit ich nicht mehr wütend bin.

Welche Möglichkeiten stehen mir denn nun zur Verfügung?

  • ich löse das grundlegende Problem, indem ich meinen Blickwinkel ändere (oder die Software *grrrr) und neue Lösungswege erkenne
  • ich reduziere meine Wünsche, Absichten oder meine Einstellung auf ein konfliktärmeres Maß und empfinde dadurch eher eine gewisse Gelassenheit
  • ich könnte aber auch einfach auf einen Boxsack einschlagen und mich dadurch abreagieren oder ausgleichende Aktivitäten suchen (Chillen, Meditation …) Andere greifen vielleicht lieber auf Rauschmittel zurück – nicht gut

Ich kann aber auch auf Scheinlösungen zurückgreifen:

  • ich führe meine Erregung auf andere Ursachen zurück
  • ich kann den Widerspruch zwischen Verhalten und Einstellung herunter spielen
  • ich kann mein Verhalten als erzwungen darstellen
  • ich kann Informationen einfach mal nicht wahrnehmen, leugnen oder abwerten

Es ist wohl erwiesen, dass in der Regel bei einer gerade auftretenden Dissonanz eine der Kognitionen veränderungsresistenter ist als die andere. Was bedeutet, dass meistens die geändert wird, die am leichtesten zu ändern ist. Ist die Handlung bereits geschehen, kann nur die Einstellung geändert werden.

Nachdem ich das jetzt alles weiß, präferiere ich zur Gelassenheit über zu gehen und mich auf das hier und jetzt zu konzentrieren :-) Und Sie?